❤️ Emotionen

Wie kam es dazu?

Was bewegte mich dazu, einen Großteil meiner materiellen Existenz aufzugeben, Arbeit und Wohnung zu kündigen und schließlich einen solch alternativen Weg einzuschlagen?

Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass es mir am liebsten wäre, wenn ich diese Frage einfach mit „Das hat schon immer in mir gelauert“ oder „Ich will das einfach mal ausprobieren“ beantworten könnte.

Doch so einfach war es bei weitem nicht.

Für diese Antwort muss ich etwas weiter ausholen. Es war das Jahr 2024, als ich meinen damaligen Chef um ein halbes Jahr Auszeit bat. Ich hatte gute Beweggründe, es lag eine schwierige Zeit hinter mir. Doch die Idee war nicht nur reine Erholung, ich wollte auch zu den Menschen gehören, die es mal gewagt haben, alleine in die große, weite Welt aufzubrechen. Ein halbes Jahr sollte anders sein als der Rest meines Lebens, das passt doch perfekt zu einem Abenteuermenschen wie mir. Ich wollte dieses halbe Jahr als Trophäe, ich wollte jemand werden, der seinen Kindern irgendwann auch etwas von der großen, weiten Welt erzählen kann.
Danach wollte ich wieder zurückkehren, voller Motivation und Dankbarkeit, als der gleiche Mensch, nur eben mit einer besonderen Erfahrung mehr.

Doch dieser Plan wollte nicht aufgehen.

Natürlich freute ich mich irgendwo, wieder zu Hause zu sein, meine Familie und meine Freunde wieder in den Armen zu haben, zu sehen, dass es ihnen gut geht, die Großmutter im Heim zu besuchen und all meine Postkarten liebevoll an ihrer Wand gepinnt vorzufinden. Aber irgendwie fühlte es sich auch falsch an, von dem Moment an, als ich meine Wohnung betrat. Ich wollte sie wieder einrichten (sie war ein halbes Jahr untervermietet), doch ich brachte es nicht übers Herz. Es war, als würde ich mit einer Blockade kämpfen. Ich verurteilte mich zunächst selbst, beschuldigte mich der Faulheit, jedoch war Faulheit nicht der treffende Begriff – viel besser traf es Antriebslosigkeit. Ich fand den Antrieb einfach nicht, meine sehr geschätzte Wohnung in genau dem Umfeld, das ich einst für das Beste für mich befand, wieder einzurichten.

Ähnlich ging es mir in meinem Berufsleben. Während meiner Reise hatte ich mir viele Gedanken über Berufung und Leidenschaft gemacht, und ja, ich gebe zu, ich habe mich schon öfter gefragt, ob eine Vollzeitbürostelle das Beste für mich ist. Andererseits fühlte ich mich in meiner Firma, insbesondere bei meinen Kollegen und meinen Aufgaben, sehr wohl. Natürlich würde die Rückkehr nicht ganz einfach werden, damit hatte ich schon gerechnet, aber das Leben besteht nun mal nicht nur aus Abenteuerurlauben.

„Das legt sich schon nach der Zeit!“, sagte mein Verstand zu meinem Herz, und genau davon ließ ich mich auch leiten. Schließlich ist der Verstand ein gesundes Zusammenspiel aus meinen Erfahrungen. Er kann aus der Vergangenheit für die Zukunft kalkulieren, Dinge bewerten und mir somit einen logischen Weg aufzeigen. Anders als dieses dumme Herz, das nichts anderes kann, als nur den Moment zu fühlen. Zwar will das Herz immer nur das Beste für uns selbst, doch anders als der Verstand kann es weder Gedanken verfassen noch zeitliche Faktoren berücksichtigen. Überhaupt kann das Herz eigentlich gar nichts, außer den Moment zu fühlen und uns intuitiv fühlen zu lassen. Wenn wir nicht auf diese Intuition hören, kann es uns noch intensiver fühlen lassen, aber es kann uns nie sagen, was wir genau tun sollen.

Ich lernte mein Herz nun von einer ganz anderen Seite kennen. Es fing an, zu rebellieren. Was sich anfangs anfühlte wie ein drückender Schuh, wurde mit der Zeit eine blutige Blase. Mir fehlte nicht nur der Antrieb, meine Wohnung wieder einzurichten, mit der Zeit fühlte sich alles an Eigentum wie Ballast an, den ich mit mir herumschleppen musste. Ich fing an, es richtig zu hassen, ging mit Widerstand in die Arbeit und danach widerwillig wieder nach Hause. Noch immer versprach mir mein Verstand, das würde sich schon wieder legen, doch diese Gefühlsintensität war absolut unverhältnismäßig. Mein Herz wollte einfach nicht mehr in dieses Leben passen, in das ich es gerade zurück zwang. Dieser Zwang, wieder so funktionieren zu müssen, kostete mich viel Kraft, die mir dann in allen anderen Lebensbereichen fehlte. Es waren Tage dabei, an denen ich direkt nach der Arbeit ins Bett gegangen bin. Ich hatte Momente, in denen ich nach natürlichen Antidepressiva gegoogelt hatte. Die Fälle, in denen ich meinen Freunden spontan absagte oder mich tagelang abschottete, häuften sich. Für Sport hatte ich gar keine Energie mehr übrig. Was war nur aus mir geworden? Ging ich doch früher jede Woche bouldern, und bereitete ich mich nicht einst im Frühjahr schon immer auf Hindernisläufe und Bergtouren im Sommer vor?

Was mich jedoch am meisten erschreckte, waren meine Versuche zu meditieren. Das hatte immer geholfen, es ist für den Geist sehr gesund und vielleicht die beste Möglichkeit, an sich selbst zu arbeiten. Doch ich konnte es nicht mehr. Wenn ich die Augen zumachte und versuchte, herunterzufahren, geschah nur eins: Mein Puls beschleunigte sich, das Herz fing an zu klopfen, und plötzlich spürte ich die Energie, die mir im Alltag fehlte, wie sie mir in Form von Wut und Traurigkeit wie ein Feuersturm durch die Adern rauschte. Ich kam an mich selbst nicht mehr ran.

Dieses Gefühlschaos hielt ich knapp drei Monate aus. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Ich schottete mich wieder ab und ging sechs Stunden lang im Wald spazieren. Es war höchste Zeit, meinen Verstand zu hinterfragen. Ich dachte nach, reflektierte, arbeitete auf Hochtouren und kam schließlich zu einem Entschluss. Für mich gab es auf das Ganze nur eine logische Erklärung, nämlich dass ich dort, wo ich mich gerade befand, nicht (mehr) hingehörte. Das klingt einfach, hat aber sehr dramatische Konsequenzen, denn es würde heißen, den beruflichen Wohlstand, den ich mir zehn Jahre lang aufgebaut habe, aufzugeben – und natürlich auch meinem sozialen Umfeld, das ich liebe und von dem ich einst dachte, dort mein Leben verbringen zu wollen, den Rücken zuzukehren. Hat mich meine Reise wirklich um 180° gedreht? Ist aus einem heimatverbundenen Pöttmeser ein Mensch geworden, der nun mehr die Ferne liebt? Soll ich wirklich eine erfolgreiche Karriere und zehn Jahre Firmenzugehörigkeit einfach aufgeben?

Es schien keine Alternative zu geben. Vielleicht hatte ich mich auf meiner Reise mehr selbst gefunden, doch es fühlte sich zunächst so an, als hätte ich mich selbst mehr verloren. Es war, als wüsste ich nicht mehr, wer ich bin – mit welchem Selbstvertrauen sollte ich auch agieren, wenn gerade zwei tragende Säulen, auf denen mein bisheriges Leben gestanden war, in sich zusammengebrochen sind? Ich musste mich auf die Säule konzentrieren, von der ich absolut sicher war und bin, dass sie eine fixe Konstante meiner Person ist. Was kann ich mit absoluter Sicherheit über mich selbst sagen? Ich bin mir sicher, dass ich ein gesellschaftsliebender Abenteuermensch bin. Was macht ein gesellschaftsliebender Abenteuermensch, der feststellt, dass ihn hier gerade nichts mehr hält? Er findet in sich den Mut, selbst solch dramatische Schritte zu gehen.
Die Idee war geboren: Im Winter in den Bergen auf einer Hütte kellnern, umgeben von Sportgeistern und gut gelaunten, partywütigen Menschen von überall her – und die restliche Zeit weiter das tun, in was ich mich ein halbes Jahr lang verliebt hatte: die schönsten Ecken dieser Welt entdecken, unter Gleichgesinnten leben und meinen unersättlichen Abenteuergeist füttern.

Natürlich hatte ich auch Zweifel. Was, wenn ich in Bangkok lande, weiterhin Stimmungsschwankungen habe und feststelle, dass ich einen Dachschaden habe, den ich selbst nicht beheben kann? Soll ich dann wieder nach Hause fliegen und mich arbeitslos in das Kinderzimmer meines Elternhauses verkriechen? Mir blieb nichts anderes übrig, als es auszuprobieren und glaubt mir, wenn ich euch sage, dass das einiges an Mut gefordert hat. Doch das Beste daran ist, es hat sich bewährt! Ich kann voller Stolz, mit strahlendem Lachen, funkelnden Augen, reinem Gewissen und positiven Emotionen sagen:

Es war kein Fehler! Mir geht es (endlich wieder) super!

I am fucking alive, oida! Wie konnte ich nur je den Gedanken fassen, ob natürliches Antidepressivum die Lösung sei, musste ich doch nur den Mut finden, (endlich) auf mein Herz zu hören? Aber mal im Ernst, hört mal auf euer Herz, wenn es solche Sachen von euch fordert! Gebt aus purer Intuition Arbeit und Wohnsitz auf! Das ist alles andere als einfach!


Weitere News aus Emotionen

❤️ Emotionen

Die Magie der Hostellobbys

Was macht den Reiz des Soloreisens aus? Warum arbeiten auch viele freiwillig in Hostels mit? Wie fühlen sich die Vibes dort an? Taucht ein in den Mix von Emotionen, die an einer Hostelbar herrschen.

Weiterlesen →
❤️ Emotionen

Wie kam es dazu?

Was bewegte mich dazu, einen Großteil meiner materiellen Existenz aufzugeben, Arbeit und Wohnung zu kündigen und schließlich einen solch alternativen Weg einzuschlagen?

Weiterlesen →