🧍 Menschen

Interview - Ines' bewegender Weg zur Dauerreisenden

Das Schöne am Reisen ist, dass man stets auf interessante Menschen und Gleichgesinnte trifft. So habe ich heute die Ehre, euch an den tiefen Beweggründen von Ines teilhaben zu lassen.

Wie kam es denn dazu? Es war ein ganz normaler Abend in meinem Hostel, als ich Ines, eine der Freiwilligen, die dort mitwirken, kennenlernte. Ich lernte Ines als sehr tiefgründigen Menschen kennen, wir tauchten zusammen in die unterschiedlichsten, stets sehr emotionalen Themen ab. Sie vertraute mir außerordentlich viel an, was meine Neugierde weckte. Da kam mir plötzlich die Idee: Ich fragte Ines, ob sie Interesse an einem Interview hätte. Sie machte große Augen. Ich erzählte ihr ein wenig mehr über meinen Reiseblog sowie meine Leidenschaft, zu schreiben. Schließlich willigte sie neugierig lächelnd ein, wir verabredeten uns am nächsten Tag zum Frühstück.


Das Interview fand auf Englisch statt; dementsprechend wurde es von mir mit entsprechender künstlerischer Freiheit aufgesetzt. Die Kernpunkte sind selbstverständlich unverändert und wurden auch von Ines vor der Veröffentlichung überprüft.

_______________________________________________________________________________________________________________

Es war Samstag, der 8. November, in einem netten kleinen Café auf der vietnamesischen Insel Phú Quoc. Ines und ich hatten uns einen Platz am Fenster ausgesucht, an einem kleinen, runden Tisch. Die Sonnenstrahlen warfen ein angenehmes Licht auf die kleine Blumenvase, die zwischen uns auf dem Tisch stand. Ines nippte an ihrem duftenden Kaffee, während ich meinen Laptop aufklappte. Wir beide schwebten zwischen Aufregung und angenehmer Zwanglosigkeit; keiner von uns hatte je an einem Interview teilgenommen, doch schließlich taten wir es ja ausschließlich für unsere Leidenschaft. Ich hob meinen Blick und suchte den ihren. In Ines’ Gesicht zeichnete sich bereits ein breites Lächeln ab, gemischt aus Neugier und einem sehr lebendigen Funkeln. Die Tatsache, dass sie einem Mann gegenübersaß, der ihre Geschichte interessant genug für die Öffentlichkeit hielt, schien ihr sehr zu schmeicheln.

„Nun, Ines, wir haben uns ja gestern schon kennengelernt und natürlich habe ich nicht vergessen, wer du bist, aber sag doch einfach nochmal ein paar Sachen über dich, sodass die Leser genau wissen, wer die Person hinter diesen Zeilen ist.“


Ines lächelte verlegen, zog mit ihren Fingern eine ihrer Locken glatt und begann zu sprechen.
„Mein Name ist Ines. Ich bin 24 Jahre alt und gebürtig aus Tunesien. Seit drei Jahren bin ich nun auf dieser schönen, weiten Welt unterwegs und arbeite aktuell als Freiwillige in einem Hostel hinter der Bar. Zufrieden?“


„Natürlich bin ich das“, sagte ich und zwinkerte ihr schelmenhaft zu.
„Du bist also seit drei Jahren unterwegs. Was war deine Motivation aufzubrechen?“


Ines’ Gesicht glättete sich, ihr Lächeln wich einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Sie blickte kurz aus dem Fenster, suchte wieder meinen Blick und begann zu sprechen.
„Ja, es sind schon circa drei Jahre. Ich war hauptsächlich in Südostasien unterwegs, habe schon des Öfteren als Freiwillige in Hostels gearbeitet oder bin Jobs online nachgegangen. Der Grund, warum ich aufgebrochen bin, ist kurz gesagt: Ich musste und wollte mich selbst mehr finden.“


„Warum musstest du dich mehr selbst finden, und hättest du das nicht auch zuhause machen können?“, fragte ich sie.


Ines blickte einmal hoch zur Decke und stützte ihren Kopf auf ihrer Faust. Dann begann sie zu erzählen.
Alles begann mit einem ganz normalen zweiwöchigen Solourlaub. Ich buchte einen Flug inklusive Rückflug. Doch kaum war ich fort, hatte ich das Gefühl, nicht mehr zurückzuwollen. Ich fühlte mich plötzlich so frei. Das Treffen mit so vielen neuen Menschen hat mich tief berührt und geöffnet. Ich stellte fest, wenn ich auf neue Menschen treffe, kann ich mich sehr schnell öffnen, einen tiefen Einblick in mein Herz geben und gleichzeitig gut für mich selbst reflektieren und daran wachsen. Außerdem hatte ich die Erfahrung, dass andere Menschen zunächst mehr in mir sahen als ich selbst. So habe ich das Reisen als Möglichkeit für mich entdeckt, mehr zu mir zu finden. Zuhause jedoch hatte ich dieses Gefühl noch nie. Ich würde fast sagen, mein Umfeld dort lässt es nicht zu. Tunesien ist komplett verschieden. Die Menschen sind wenig selbstreflektiert, stattdessen versuchen sie, alles mit Religion zu erklären. Einfach so tiefgründig ein Gespräch über Gefühle oder das Leben zu führen, käme den meisten gar nicht in den Sinn. Wenn ich das vorschlagen würde, würden sie mich wohl zum Psychologen schicken. Es fühlt sich fast an wie ein Kopfgefängnis. Diese erste Reise von mir war wie ein Befreiungsschlag, ich realisierte, wie sehr ich dort auch gefangen war und wie unglücklich mich die Gesellschaft mit ihrer sehr traditionellen religiösen Lebensweise machte.“


„Du hast also entdeckt, dass du in deinem Umfeld nicht wirklich du selbst sein kannst. Wie war dein Leben zuvor in Tunesien? Hast du auch vor dieser Reise schon bemerkt, dass dich etwas gefangen hält?“


Diese Frage war tiefer als gedacht. Ines’ Mimik verlangsamte sich, und sie zögerte zunächst, bevor sie antwortete.
„Du musst wissen, meine Familie lebt streng religiös und ich fühlte mich in diesen Zwängen nie besonders glücklich. Ich habe meine Themen, so wie sie eben jeder hat. Bei mir ist zum einen ein Kindheitstrauma. Zum anderen passe ich einfach nicht in diese traditionelle Lebensweise, die mir vorgelebt wurde. Ja, natürlich habe ich es schon vorher stark gemerkt. Mit 18 Jahren hatte ich sogar einen Tiefpunkt. Den Gott, an den ich damals glaubte, fragte ich, weshalb er mir dieses Leben so zumutet. Ich war todunglücklich, hatte familiäre Probleme, wusste nicht, wohin mit mir und sah nicht die Möglichkeit, mich in meinem von Zwängen dominierten Umfeld zu verwirklichen.“

Ines zögerte kurz. Ich hielt den Blickkontakt und sah ihr vertraut in die Augen. Sie holte tief Luft und begann, langsam zu sprechen.

„Ich stand im Bad und hatte eine Rasierklinge in der Hand. Meine Hand suchte den Weg zu meiner Pulsader. Ich wusste nicht mehr weiter. Das Leben, so wie ich es hatte, konnte und wollte ich nicht mehr leben. Das Wasser schoss mir aus den Augen, und Blut lief langsam meine Hände hinunter, als ich langsam auf die Klinge drückte. Ich wollte es zu Ende bringen, doch in dem Moment, als ich mehr Druck auf die Klinge setzen wollte, erschien mir Jesus. Ich wusste kaum etwas über ihn. Er war nicht Teil der Religion, in die ich hineingeboren wurde. Doch es war Jesus, er nahm mich an der Hand, die mir gerade selbst das Leben nehmen wollte, blickte mir in die Augen und versprach mir, er wolle mir nicht nur irgendein Leben schenken, sondern er wolle mir das für mich beste Leben schenken.“


Die Luft knisterte. Ich lauschte wie gebannt und bewunderte die Frau, die mir gerade gegenübersaß und deren Gesicht noch immer von einer Spur eines Lächelns verziert wurde, obwohl sie wohl gerade über den emotionalen Tiefpunkt ihres Lebens gesprochen hatte.
„Wow, Ines, das klingt unglaublich. Vielen Dank für deinen Mut und deine Offenheit. Darf ich fragen: Wie bist du mit dieser Begegnung oder Erleuchtung weiter umgegangen? War das ein Wendepunkt in deinem Leben?“


„Ja, es war in der Tat ein Wendepunkt. Jesus‘ Versprechen war wie ein Talisman, der nun in mir schlummerte und mir die Kraft gab, den Mut zu finden, in einem anderen Umfeld nach meinem Glück zu suchen. Ab diesem Tag wende ich mich mehr und mehr Jesus – oder vielleicht eher mir selbst – zu. Ich wachte auf, ich selbst brach aus mir hervor, was jedoch auch hieß, dass ich zuhause den traditionellen und religiösen Mustern, die mir nicht mehr zusagten, nicht mehr Folge leistete.“


„Ich kann mir vorstellen, dass ein solches Verhalten in Tunesien nicht sehr üblich ist. Wie haben deine Eltern auf diesen Umbruch reagiert?“


„Da liegst du vollkommen richtig. Es ist sehr, sehr schwer für sie. Unsere Beziehung ist nach all den Jahren noch immer belastet. Sowohl mein Umbruch als auch mein Lebensstil als Langzeitreisende widerspricht ihrem Weltbild, ihrer Vorstellung, ihren gelebten Werten, einfach allem. Ich musste massive gesellschaftliche Ächtung erleiden, und auch wenn meine Eltern nach all den Jahren nun einen Umgang damit gefunden haben, widerstrebt es ihnen noch immer. Ich glaube aber, dass sie spüren, dass ich sie noch immer liebe, und ich glaube auch, dass diese Liebe unser Verhältnis irgendwann heilen kann.“

Diese Worte gingen Ines mit einem leisen Lächeln über die Lippen, was ihren starken, kämpferischen Charakter unterstrich. Wenn man so über eine belastete Beziehung zu den Menschen, mit denen man die stärkste und längste Bindung überhaupt hat, sprechen kann, steckt wahre Stärke dahinter. Ich nahm einen tiefen Atemzug und fuhr fort.

„Nun haben wir über deinen Tiefpunkt, deinen Umbruch und deine Schlüsselerfahrung mit der zweiwöchigen Reise gesprochen. Wie ging es danach für dich weiter?“


„Es war der Beginn der langen Reise, auf der ich mich noch immer befinde. Mein Weg der Heilung und der Suche nach meinem Platz auf dieser Welt. Ich bin nach wie vor kein religiöser Mensch. Ich würde es am ehesten als meine Religion bezeichnen, dass ich meine Liebe mit jedem Menschen auf diesem Planeten teilen möchte, egal, woher er kommt und welcher Religion er angehört. Siehst du mein Tattoo hier?“

Ines deutete auf den Bizepsansatz ihres linken Armes, dort war ein Datum und darüber ein Schmetterling tätowiert.

„Dieses Datum, der 3. März 2020, war der Tag meiner Begegnung mit Jesus. Der Schmetterling steht für Freiheit. Die Freiheit, die Liebe, die mir durch Jesus zugetragen wurde, mit jedem Menschen auf dieser Welt zu teilen. Das tue ich, so wahr ich dir nun gegenübersitze.“


„Angenommen, du hättest eine Begegnung mit jemandem, der ähnlich fühlt wie du einst, also im eigenen Leben gefangen. Was genau würdest du ihm raten?“


Ines’ Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie warf ihr Haar zurück, hob ihre Stimme und begann schnell zu sprechen:
„Ich würde ihm klarmachen, dass es keine Rolle spielt, wenn Menschen dich für deine Entscheidungen verurteilen. Jeder hat sein Leben zu leben, und jeder ist es ausschließlich sich selbst schuldig, sein Leben bestmöglich für sich selbst zu leben. Wenn man in eine Familie hineingeboren wurde, die einen kontrollieren und in ein Gesellschaftsbild hineinzwängen will, muss man ausbrechen. Doch es ist hart. Dieser Bruch tut sehr weh. Man wird sehr viel dabei verlieren: Familienmitglieder, Freunde, Rückhalt. Nur wenn man sich selbst treu bleibt, kann man das durchstehen.“


„Würdest du demjenigen auch empfehlen, auf Reisen zu gehen, um die Wunden des Ausbruches heilen zu lassen und sich dabei selbst zu finden?“


„Das Reisen direkt heilt nicht. Die Wurzel der Heilung ist die Entscheidung. Es ist der erste und schwierigste Schritt, sich für die Heilung zu entscheiden. Natürlich sind Reisen sehr gut dazu geeignet, da man sein eventuell toxisches soziales Umfeld austauscht und Orte mit entsprechenden Erinnerungen verlässt. Außerdem bringt das Gefühl der Freiheit, welches das Reisen mit sich bringt, die Offenheit mit sich, die ich brauche, um mich dir gegenüber so zu öffnen und dich so tief an meinen Emotionen und meiner Geschichte teilhaben zu lassen.“


„Wofür ich übrigens sehr dankbar bin, Ines!“, sagte ich und lächelte ihr zu, was sie strahlend erwiderte.
„Hast du Wünsche an die Zukunft? Wo siehst du dich in fünf Jahren?“


„Bevor ich anfing zu reisen, wollte ich jeden Tag im Voraus planen, doch das hat sich geändert. Ich lebe nur noch den Moment. Die Gegenwart ist das, was ich gestalten kann; die Vergangenheit ist vergangen und die Zukunft ist ungewiss. Doch wenn ich mein Hier und Jetzt möglichst gut gestalte, kann die Zukunft gar nicht so schlecht werden. Aber ich versuche nicht bewusst, diese zu planen oder zu beeinflussen. Ein Rollerunfall in Bali hat mein Bewusstsein dahingehend geschärft. Wie schnell und dramatisch kann sich das Leben wenden? Es ist völlig unberechenbar. Und deshalb ist und bleibt das Beste, was wir tun können, im vollen Einklang mit uns selbst unsere Gegenwart zu gestalten. Deshalb habe ich auch keine konkrete Vorstellung von der Zukunft. Doch es wäre schön, die Offenheit und Herzlichkeit, die unter den Reisenden herrscht, mitzunehmen auf eine kleine Farm und dort mit einer eigenen Familie in einer friedlichen Umgebung zu leben.“
Den letzten Teil dieses Satzes formulierte Ines langsam und hell betont. Als ich zu ihr aufblickte, erwartete mich zwar ein breites, herzliches Lächeln, doch ihre dunklen Augen schimmerten etwas mehr als zuvor. Ein Merkmal von Worten, die direkt aus dem Herzen kommen.


Ich blickte wieder hinab; für den Schluss hatte ich mir noch ein paar besondere Fragen aufbewahrt.
„Hast du ein Lebensmotto, welches mir in den Sinn kommen soll, wenn ich an dich denke?“


„Hmmmm, ja. No judgement, just love“, erwiderte Ines lächelnd.


„Sehr schön, und nun noch meine letzte Frage an dich. Was ist Liebe für dich?“


Auch hier musste Ines nicht lange überlegen. Es war fast, als hätte sie sich für diese Frage vorbereitet. Sie sagte offen und direkt:
„Liebe ist Geben und dadurch dich und andere Menschen glücklich zu machen. Und zur Liebe gibt es noch etwas sehr Wichtiges zu wissen: Du kannst erst andere lieben, wenn du dich selbst liebst.“


Ich fing an zu lächeln. Zufrieden tippte ich die letzten Stichpunkte in meinen Laptop, schloss diesen und suchte Ines’ Blick.
„Vielen lieben Dank, Ines, für diese Offenheit, die besonders tiefen Einblicke in die Tiefpunkte deines Lebens und deinen bewundernswerten Weg, den du mit mir geteilt hast. Ich werde etwas Schönes daraus gestalten und deine Geschichte teilen. Vielleicht ist sie eine Inspiration für andere Menschen, die gerade nach einem neuen Weg in ihrem Leben suchen. Ich möchte dir noch mitgeben, dass ich dich gerade voll in deinem Element sehe. Die Leidenschaft, die du versprühst, wenn du auf die Kunden zugehst, sowie deine ehrliche, direkte Offenheit, die du mitbringst, machen dich sehr sympathisch, und man merkt, dass du in deinem Element wirkst. Ich kann nur an deine eigenen Worte anschließen: Das, was du gerade machst, scheint für deine Gegenwart das Richtige zu sein. Natürlich ist es nicht die Lösung für das gesamte Leben, aber die gibt es ohnehin nicht. Es gibt immer nur Lösungen für Lebensabschnitte, wenn überhaupt. Du hast bereits selbst die besten Worte hierfür gefunden: Wir sind es uns selbst schuldig, aus unserem Hier und Jetzt das für uns Beste zu kreieren. Und es ist zeitgleich das Einzige, was wir wirklich in der Hand haben!“

Weitere News aus Menschen